| Kommentar |
Die Corona-Pandemie hatte weitreichende soziale Folgen in nahezu allen Lebensbereichen, vom Gesundheitssystem über das Erwerbs- und Wirtschaftssystem bis hin zu Familien, Geschlechterverhältnissen und den Einzelnen. Bisher erhalten die gesundheitlichen Auswirkungen und Langzeitfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 für die Betroffenen kaum Aufmerksamkeit. 3-7 % der mit Corona Infizierten leiden unter Post-/Long COVID-Symptomen (PC/LCS). Die sozialen Auswirkungen dieser oft langfristigen Komplikationen auf Gesellschaft, Wirtschaft, Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem sind von erheblicher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung (Al-Aly et al. 2024).
Im Zentrum des zweisemestrigen Projektseminars steht die chronische Erkrankung Long COVID, die häufig Frauen betrifft. Zugleich werden die Symptome oft als „psychisch“ oder „eingebildet“ abgetan, besonders bei weiblichen Erkrankten. Wir fragen, wie sich die Erkrankung im vergeschlechtlichten Lebenszusammenhang (Wimbauer/Motakef 2020) der Betroffenen niederschlägt. Insbesondere steht im Fokus, auf welche Hürden die Erkrankten im gesamten Lebenszusammenhang stoßen, also etwa in der Erwerbssphäre, in der Familie und Paarbeziehung, im Nahfeld, hinsichtlich Anerkennung, sozialer Teilhabe, finanzieller Situation, Wohnen u.a.m. (Kufner 2025). Ein weiterer und damit in Zusammenhang stehender Schwerpunkt ist, welche unsichtbare (Mehr-)Arbeit die Erkrankten und ihre Familien leisten (müssen) – etwa als Krankheitsarbeit, als Alltagsarbeit, Sorgearbeit, biographische Arbeit u.a.m. – und ob sie dafür intersubjektive und soziale Anerkennung finden oder nicht (ebd.). Auch die Beantragung einer Erwerbsminderungsrente über die Rentenversicherung ist langwierig und schwierig. Auf welche Hürden stoßen die Erkrankten in den Verfahren, in der Arbeitsstätte, im medizinischen und sozialversicherungsrechtlichen Begutachtungsprozess, in den Familien? Gibt es Geschlechterunterschiede? Wie gehen die Erkrankten, oft sorgeleistende Frauen, mit doppelten Sorgelücken in ihren Familien um (Jahn et al. 2024)? Das Projektseminar ist eingebunden in ein größeres Forschungsprojekt zu Long Covid und Geschlecht.
Wir beschäftigen uns mit diesen Fragen aus subjektorientierter, prekarisierungstheoretischer Perspektive auf Geschlecht, Gesundheit, Ungleichheit und Prekarisierung im Lebenszusammenhang (Wimbauer/Motakef 2020). Im SoSe 26 arbeiten wir uns in die theoretischen Konzepte ein und verschaffen uns einen Überblick über den Forschungsstand. Außerdem entwickeln die Studierenden im Seminar Fragestellungen und Forschungsdesigns für ihre eigenen empirischen Studien. Diese werden planmäßig in Gruppen durchgeführt. Im WS 26/27 steht die Durchführung und Auswertung der eigenen Projekte im Mittelpunkt. Das Projektseminar erfordert unabdingbar inhaltliches Interesse an sowie Kenntnisse bzgl. Geschlechterfragen und qualitativen Methoden, hohes und zuverlässiges Engagement und die eigenständige Durchführung eines Forschungsprojektes (in AGs). Der Zeitaufwand für qualitatives Forschen ist hoch. Regelmäßige Teilnahme und aktive Beteiligung sind Grundvoraussetzung.
Triggerwarnung: Im Seminar werden chronische Erkrankungen behandelt. Dabei können möglicherweise Themen wie schwere Krankheitsverläufe, Einschränkungen im Alltag, psychosoziale Belastungen und Todesfälle zur Sprache kommen. Teilnehmende werden gebeten, sich dieser möglichen Belastungen bewusst zu sein und bei Bedarf angemessen auf ihr Wohlbefinden zu achten. |
| Literatur |
- Al-Aly, Z., Davis, H., McCorkell, L. et al. Long COVID science, research and policy. Nat Med 30, 2148–2164 (2024). https://doi.org/10.1038/s41591-024-03173-6
- Jahn, Franziska, Christine Wimbauer und Mona Motakef (2024): Paarbeziehung und Familie: Eine vernachlässigte „Schnittstelle“ bei der (beruflichen) Re Integration von an Long/Post COVID Erkrankten. In: Sozialer Fortschritt, Jg. 73, Heft 8-9, S. 689-705. Sonderband zur beruflichen Reintegration, hrsg. von Nina Baur et al. https://elibrary.duncker-humblot.com/article/74489/paarbeziehung-und-familie
- Kufner, Nadja (2025): ‚Wenn Du auf den Staat wartest, hast Du verloren.‘ Herausforderungen von Long COVID- und Post-Vac-Betroffenen bei der Krankheitsverarbeitung im vergeschlechtlichten Lebenszusammenhang: Exemplarische Analyse einer virtuellen Selbsthilfegemeinschaft. Juventa http://www.beltz.de/fachmedien/soziologie/produkte/details/56585-wenn-du-auf-den-staat-wartest-hast-du-verloren.html
- Wimbauer, Christine und Mona Motakef (2020): Prekäre Arbeit, prekäre Liebe. Über Anerkennung und unsichere Lebensverhältnisse. Frankfurt/New York: Campus. Kostenlos erhältlich unter https://www.campus.de/e-books/wissenschaft/soziologie/prekaere_arbeit_prekaere_liebe-16170.html (rechts oben, download e-book).
- Ohlbrecht, H. (2022). Familie und Krankheit. In: Ecarius, J., Schierbaum, A. (Hg) Handbuch Familie. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19985-6_37
- https://www.bmg-longcovid.de/
- https://longcoviddeutschland.org/
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