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Dieses Lehrangebot (Wahlpflichtmodul) setzt sich aus zwei Elementen zusammen, die relativ unabhängig voneinander konzipiert sind: eine Vorlesung zu praktischen Fragen der Stadtentwicklung und einem Seminar, in dem ausgewählte Probleme der räumlichen Entwicklung vertiefend behandelt werden. Für das Seminar gibt es zwei Lehrangebote, von denen eines zu belegen ist.
Vorlesung (Olaf Schnur) Stadtentwicklung war immer schon eine komplexe Aufgabe - seit einiger Zeit jedoch wird die Planung und Steuerung städtischer Prozesse aufgrund multipler, sich überlagernder Krisensituationen (z.B. Klimawandelfolgen, Finanzkrisen, Energiekrisen, Krieg, Pandemie, Überalterung etc.) zu einer wahren Herausforderung für die beteiligten Akteure. Eine sozial-ökologische Transformation hin zu nachhaltigeren und resilienteren Städten kann deshalb nur durch klare Ziele, tragfähige fachliche Konzepte und kreative Ideen vor Ort gelingen. Diese Vorlesung behandelt überblicksartig zentrale Fragen der aktuellen Stadtentwicklung im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Setzungen, wissenschaftlichen Konzepten und praktischen Lösungen. Dazu werden wichtige strategische Rahmenwerke wie u.a. die Neue Leipzig Charta analysiert, aktuelle soziale, ökonomische, ökologische oder technologische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Stadtentwicklung betrachtet, anwendungsrelevante Theorieansätze diskutiert und dazu deutsche, europäische, aber auch internationale Fallbeispiele aus der Stadtentwicklungspraxis gezeigt. Weil Stadtentwicklung enorm facettenreich ist, wird ein weiter thematischer Bogen u.a. von Wohnen, Migration, Gemeinwohl, Demokratie, Klima, Mobilität, Digitalisierung bis hin zu Quartier und Region gespannt. Die Vorlesung, die neben dem klassischen, mit anschaulichen Materialien (Bild, Video) aufbereiteten Vortrag auch interaktive Elemente enthält, vermittelt ein tieferes Verständnis für Konzepte und Strategien der aktuellen Stadtentwicklungspraxis im Hinblick auf die realen Transformationsaufgaben vor Ort.
Seminar 1 (Bastian Lange) Behandelt werden sechs Themenfelder: 1. Städtischer Strukturwandel und funktionale Reorganisation Der Wandel städtischer Strukturen zeigt sich in der Umnutzung ehemaliger Industrieflächen, dem Bedeutungsverlust klassischer Innenstädte und neuen Nutzungsmischungen. Globalisierung, Digitalisierung und Deindustrialisierung beeinflussen funktionale Neuordnungen. Im Seminar analysieren wird diese Prozesse raumbezogen und diskutieren Konzepte zur nachhaltigen Steuerung und Reaktivierung urbaner Räume. 2. Gentrifizierung und soziale Verdrängung Transformationsprozesse führen häufig zur Aufwertung innerstädtischer Quartiere. Geographische Analysen untersuchen Ursachen, Dynamiken und Folgen dieser Entwicklung und befassen sich mit politischen Strategien für soziale Durchmischung und gerechte Stadtentwicklung. 3. Nachhaltige Stadtentwicklung und Klimaanpassung Angesichts des Klimawandels gewinnen Maßnahmen zur Anpassung urbaner Räume an extreme Wetterereignisse an Bedeutung. Wir befassen uns mit grüner Infrastruktur, hitzeangepasster Bauweise und wassersensibler Planung, so dass resiliente, klimagerechte Räume entstehen können. 4. Partizipation und Governance in Stadtentwicklungsprozessen Stadtentwicklung setzt auf partizipative Planungsansätze, in denen Bürger*innen, Verwaltung und Wirtschaft kooperieren. Geographische Perspektiven analysieren die Rolle von Governance-Strukturen, Machtverhältnissen und Beteiligungsformate. Wir fragen, wie transformative Prozesse demokratisch gestaltet und lokale Bedürfnisse berücksichtigt werden können. 5. Digitale Transformation und Smart Cities Städte verändern sich durch digitale Technologien: Sensorik, Big Data und digitale Plattformen beeinflussen Mobilität, Infrastruktur und Verwaltung. Wir erkennen die räumlichen Auswirkungen der Digitalisierung, Chancen für effizientere Stadtplanung sowie Risiken wie soziale Ungleichheit oder Überwachung in der smarten Stadt. 6. Zwischennutzung und kreative Räume im urbanen Wandel Temporäre Nutzungen von Brachflächen und Leerständen schaffen experimentelle Räume für Kultur, Start-ups oder soziale Initiativen. Wir beleuchten Potenziale, Konflikte und Steuerungsinstrumente solcher Nutzungen im Kontext einer adaptiven und dynamischen Stadtentwicklung
Seminar 2 (Tomás Usón) Dieses Seminar versteht Begegnungen (encounters) als einen zentralen Bestandteil von Urbanisierungsprozessen in Lateinamerika. Städte in der Region werden als Kontaktzonen verstanden, die durch konfliktive Aufeinandertreffen zwischen sozialen Gruppen, Stadtprojekten, ökologischen Prozesse und nicht-menschlichen Akteuren konfiguriert werden. Das Seminar bietet sechs Themenfelder, die sowohl aus theoretischer als auch aus angewandter Perspektive im Laufe des Semesters bearbeitet werden: 1. Historische Perspektiven lateinamerikanischer Urbanisierungsprozesse: Die Entwicklung der kolonialen Stadt. 2. Die mestiza Stadt: Rassismus, Kultur und die Entwicklung eines ausgrenzenden Urbanismus. 3. Megastädte in Lateinamerika: Verdichtung als konfliktive Vielfältigkeit. 4. Extraktivismus als Motor der Urbanisierung: Folgen und Externalitäten extraktivistischer Industrien in Städten. 5. Naturkatastrophen: Planetarische Prozesse in urbanen Gefügen Lateinamerikas. 6. Grünzüge: Städte als ökologische Treffpunkte. |