| Kommentar |
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts tritt die Figur des „Nutzers“ bzw. der „User“ in ganz unterschiedlichen Feldern in Erscheinung: in der Planung technischer Systeme, in kybernetischen Modellierungen, in der Designforschung, in der Informatik, in Soziologie und Psychologie – und nicht zuletzt in der Entwicklung digitaler Medien. Nutzer*innen werden beobachtet, vermessen, antizipiert, adressiert und als Parameter in komplexe Berechnungs- und Steuerungslogiken eingebracht. Sie fungieren als epistemische Figuren, über die Wissen über soziale Praktiken, Verhalten, Effizienz, Funktionalität und Kontrolle generiert wird.
Dabei ist diese Figur keineswegs neutral. Sie ist eingebettet in kulturelle Imaginationen, normative Entwürfe sozialer Ordnung und technikpolitische Erwartungen. Zwischen idealisierten oder errechneten Nutzungsweisen und den tatsächlichen, oft widerständigen, eigensinnigen Aneignungspraktiken entstehen Spannungen, Reibungen und Brüche. Genau diese Ambivalenzen stehen im Zentrum des Seminars: Woher stammt die Vorstellung eines plan- und berechenbaren Users? Welche disziplinären Wissensformen, methodischen Instrumente und medientechnischen Entwicklungen haben sie hervorgebracht? Und wie lassen sich Differenzen zwischen intendierter Nutzung, Fehlgebrauch, Zweckentfremdung oder kreativer Umnutzung theoretisch fassen?
Das Seminar verfolgt diese Fragen entlang historischer und gegenwärtiger Konstellationen. Es nimmt sowohl frühe Versuche der Verhaltensmodellierung und kybernetischen Nutzerkonzeptionen als auch aktuelle Medienumgebungen in den Blick, in denen User in Datenmodellen, Profilen, Feedbackschleifen und Plattformlogiken operationalisiert werden. Zugleich interessieren uns die materiellen, infrastrukturellen und symbolischen Bedingungen, die Nutzer*innen mit Medientechnologien verschalten – von Interfaces und Geräten über Algorithmen bis hin zu diskursiven Rahmungen und medialen Imaginationen des „idealen“ Users.
Im Seminar werden einschlägige theoretische Positionen (u. a. aus Medienwissenschaft, STS, Science and Technology Studies, Interface Studies, Kultur- und Wissensgeschichte) mit Fallstudien verknüpft. Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis davon zu entwickeln, wie die Nutzerfigur hergestellt, beobachtet, reguliert, aber auch subversiv angeeignet wird – und welche Bedeutung diese Prozesse für gegenwärtige Medienkulturen haben. |